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Pfad: Unternehmerschaft Düsseldorf und Umgebung e.V. -> Schule/ Wirtschaft -> Kommentar

Ein Lehrstück

Wie nehmen Schüler das wahr, was so ein designierter EU-Kommissar wie Günther H. Öttinger anrichtet, wenn er sich bei seinen ersten Brüsseler Auftritten in der englischen Sprache versucht?
Wenn man – nach ausgiebigem Staunen und wahrscheinlich immer weiter eingefrorenem Lächeln - mit Schülern darüber spricht, sei es im Englisch- , sei es im Politikunterricht, sollte man ihnen nahe legen, einen differenzierten Blick auf die Sache zu werfen und zu einem abgewogenen Urteil zu kommen. Denn dazu sollten Schule und Unterricht anleiten; etwa so:

Einerseits:

  • Der Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg kann im Alter von 56 Jahren zurückblicken auf eine abgeschlossene juristische Ausbildung und berufliche Tätigkeiten als Rechtsanwalt und Geschäftsführer.
  • Im politischen Feld hat er seine jahrelangen Verdienste als Kommunalpolitiker wie auch als Mitglied des Kreis- und Landtages; schließlich wurde er 2005 Ministerpräsident und hat dieses hohe Amt bis heute inne.
  • In seiner Partei brachte er es zum Vorsitzenden der Landtagsfraktion und zum Mitglied bzw. Leiter bundespolitischer Ausschüsse.

    Ein Mensch also, der in Beruf und Politik gezeigt hat, dass er einen langen Weg erfolgreich gehen kann.

Andererseits:

  • Er selbst hat betont, wie wichtig eine hinreichende Kenntnis der englischen Sprache für die berufliche Zukunft der Schüler sei.
  • Politiker erwecken leider ein wenig zu oft den Eindruck, sie seien im Handumdrehen kompetent, sobald sie ein neues Tätigkeitsfeld erlangt bzw. übertragen bekommen haben – z. B. ist man heute Minister für dieses, morgen für jenes.
  • Politikverdrossenheit speist sich auch aus der Erkenntnis, dass oft politische Ellenbogen, Rückenwind oder Seilschaften wichtiger für eine Karriere sind als Sachverstand und spezifische Erfahrung.
  • Wie könnte man Schüler dazu anhalten, sich beim Erlernen der Fremdsprachen anzustrengen und diese möglichst intensiv zu erlernen, wenn offenkundig rudimentäre Kenntnisse auszureichen scheinen, sich international zu verständigen, Reden zu halten und Verhandlungen zu führen.
  • Man darf auch fragen, wie groß die Differenz sein darf zwischen (nicht nur selbst eingeschätzten) Fähigkeiten und der tatsächlichen Kompetenz und Performanz, um `im Leben´ voranzukommen.

    Ein Fall also, der dringlich zeigt, wie wichtig es ist, Schülern in der Schule zu vermitteln, dass im Leben in der Regel nicht der erzeugte Schein, sondern - vor allem `in the long run` - das reale Sein die Grundlage für dauerhaften Erfolg ist.

Die Diskussion wird sowohl den Fokus der Fremdsprachenrelevanz, der Kompetenzen in und für Politik wie auch den einer Wertediskussion haben; der Schwerpunkt orientiert sich dabei wohl am Fach, in dem man sie führt.
Und das Urteil der Schüler kann sich dann bewegen in einem weiten Bereich der Möglichkeiten zwischen der spöttischen Feststellung jeder werde so lange befördert, bis er die Stufe der Inkompetenz erreicht habe - und damit der Forderung an Herrn Öttinger, schleunigst aus Brüssel in sein Bundesland zurückzukehren – bis hin zu der Forderung: `Mr. Öttinger, improve your English´, verbunden mit der Feststellung, diesen Teil der Brüsseler Kompetenzen könne er wohl doch irgendwie nachträglich erwerben - möglichst aber alsbald.

Der Versuch, das Ganze herunterzuspielen auf die Ebene, das sei eben nur Englisch mit schwäbischem Dialekt, ist – selbst wenn man den richtigen Begriff `dialektale Färbung´ verwendete - albern und schädlich. Denn schließlich ist unübersehbar, dass es sich nicht allein um gefärbte Aussprache handelt, sondern dass sich die Bodenlosigkeit - selbst beim Verlesen des Textes - auch aus vokabulären, satzbaulichen und semantischen Defiziten speist.

Ein Lehrstück. Besser: Der Glücksfall eines Lehrstückes, denn nicht der erhobene Zeigefinger eines staubigen Modellfalles dominiert Anfang und Ende, sondern satirische Substanz, Differenzierung und schließlich doch die Notwendigkeit abgewogener Urteilsfindung machen diesen Kasus aus der Realität zum lebendigen Gegenstand eines vermutlich nachhaltig wirksamen Unterrichts.

Moderne Lehrstücke beginnen also im Netz – in diesem Fall bei YouTube – auch das wird sicherlich die Motivation der Schüler befördern, sich der Sache engagiert anzunehmen.


Wolfgang Klipp im Januar 2010 für SchuleundWirtschaft.de



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