Pfad: Nachrichten aus der Geschäftsstelle
Bankenpräsident Schmitz: Banken haben aus Finanzmarktkrise gelernt
Andreas Schmitz
Präsident des Bundesverbandes deutscher Banken, Berlin, und Sprecher des Vorstandes der HSBC Trinkaus & Burkhardt AG, Düsseldorf
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
„Bank, Banker, Bankrott: Storys aus der Welt der Abzocker“, „Die Gier war grenzenlos“ oder „Wahnsinn mit Methode: Finanzcrash und Weltwirtschaft“ – ein Blick in das Sortiment einer Buchhandlung reicht, um zu sehen, welch scharfer Wind uns Banken und Bankern zurzeit ins Gesicht bläst.
Auch wenn viele Vorwürfe in der Sache und im Ton über das Ziel hinausschießen: Wir Banken haben eine bittere Lektion lernen müssen.
Dass man an den Finanzmärkten ungeheure Summen in Bruchteilen von Sekunden um den Globus schicken kann, das wussten wir auch schon vor einem Jahr. Dass aber binnen weniger Tage Institute, Märkte und sogar Länder plötzlich am finanziellen Abgrund stehen können und dass von der Wall Street ein weltumspannender Flächenbrand ausgehen kann, das war neu. Dieser Schock sitzt tief.
Und noch immer ist die Krise trotz einiger Lichtblicke nicht vorbei. Was sie uns abverlangt, welche Lehren wir ziehen müssen, darum wird es noch lange gehen – auch heute bei diesen Schönhauser Gesprächen.
Längst dreht sich die Debatte nicht mehr allein um Bankenrettungsfonds und Finanzmarktstabilisierung. Denn weil die Finanzkrise immer mehr auch zu einer Wirtschaftskrise wurde, müssen wir auch fragen: Wie kommt die Konjunktur wieder in Schwung? Wie bewältigen wir die Folgen der tiefsten Rezession seit 80 Jahren? Welchen Spielraum lässt uns die Staatsverschuldung – etwa mit Blick auf eine Steuerreform?
Und nicht zuletzt: Was bedeutet diese Krise für unsere Wirtschaftsordnung, die Soziale Marktwirtschaft?
Meine Damen, meine Herren,
bevor ich aber auf die gesellschaftspolitische Dimension komme – dafür stehen diese Schönhauser Gespräche ja mit ihrer langen, guten Tradition –, möchte ich ein paar Worte dazu sagen, wo wir in der Finanzmarktkrise nach meiner Einschätzung heute stehen.
Denn das erwarten Sie ja vom Bankenpräsidenten. Also: Welche Lehren wurden gezogen? Was bleibt noch zu tun?
Auf eine kurze Formel gebracht: Aus der Phase des akuten Krisenmanagements sind wir heraus. Wir müssen uns jetzt mehr und mehr der Krisenprävention zuwenden – national wie international. Bildlich gesprochen: Der Patient ist nach Schockraum, Intensivstation und Krankenzimmer in der Zwischenzeit in der Reha angekommen.
Prävention heißt: Banken und Aufseher müssen Risiken früher und besser erkennen, damit eine derartige Krise sich nicht wiederholt. Auf dem G20-Gipfel von Pittsburgh und der IWF-Tagung in Istanbul sind hierzu wichtige Entscheidungen gefallen. Drei Punkte möchte ich hervorheben:
Erstens: Die systemischen Risiken im Finanzsektor müssen reduziert werden. „Systemrelevanz“, meine Damen und Herren, ist ja ein Wort, das bis vor einem Jahr nur Spezialisten bekannt war. Unter dem irreführenden Pseudonym „Too Big to Fail“ hat es inzwischen eine größere Bekanntheit erlangt.
Irreführend deshalb, weil die Größe einer Bank gar nicht das Kernproblem ist – sie sagt wenig darüber aus, welches Risikopotenzial sich aufbaut und dann in den Märkten schlummert.
Dafür gibt etwas anderes den Ausschlag, nämlich wie eine Bank geschäftlich aufgestellt und wie stark sie mit anderen Banken vernetzt ist. Das Problem ist also nicht „too big to fail“, sondern „too connected to fail“.
Beim „Domino-Day“ ist es das Ziel, dass möglichst viele Steine umfallen. Im Finanzsystem geht es um das Gegenteil: Wenn nicht zu vermeiden ist, dass ein Stein umfällt, muss alles getan werden, damit die anderen – möglichst alle anderen – Steine stehenbleiben, ein Domino-Effekt also gerade nicht eintritt.
Im Ernstfall muss eine Bank, die in Schieflage ist, in einem klar geregelten Verfahren in die Insolvenz gehen bzw. geordnet abgewickelt werden können, und zwar ohne andere Banken mitzureißen. Dies wäre auch ganz im Sinne unserer marktwirtschaftlichen Ordnung. Und bei der Lösung dieser Frage darf es kein "too difficult to resolve" geben.
Ebenso wichtig, damit Probleme gar nicht erst aufkommen, ist die Eigenkapitalausstattung der Banken – mein zweiter Punkt. Wie das geht, machen uns die Eichhörnchen vor: Sie legen in guten Zeiten Vorräte für schlechte Zeiten an. Bei Banken heißt das „antizyklische Risikovorsorge“.
Sprich: In besseren Zeiten sollten Eigenkapitalpolster und Liquiditätspuffer aufgebaut werden, auf die in Krisenzeiten zurückgegriffen werden kann.
Zu diesem Zweck brauchen Banken höhere Eigenkapitalanforderungen. Aber nicht pauschal, sondern nur dort, wo sich diese in der Krise unter Risikoaspekten als zu niedrig herausgestellt haben. „Viel hilft viel“ oder „je mehr, desto besser“ – dieser Ansatz wäre zu simpel für das Bankgeschäft.
Er würde nur dazu führen, dass Banken weniger Kredite vergeben könnten – auf Kosten der Wirtschaft, die gerade jetzt, zur Überwindung der Krise und für den Aufschwung, Kredite doch so dringend braucht.
Das bedeutet für alle regulatorischen Maßnahmen, die auf mehr Eigenkapital hinauslaufen: Sie dürfen erst greifen, wenn die Krise ausgestanden ist. Um im Reha-Bild zu bleiben: Verordneter Ausdauersport ja, aber erst, wenn die Grundkondition wieder stimmt.
Drittens, meine Damen und Herren, muss die Finanzaufsicht europäisch und international gestärkt und besser koordiniert werden. Denn diese Krise hat auch gezeigt, dass weder der Radarschirm noch die Kompetenzen der Aufseher in global vernetzten Finanzmärkten an den Staatsgrenzen aufhören dürfen.
Ein europäischer Finanzbinnenmarkt ohne nationale Grenzen, aber immer noch unter nationaler Aufsicht, das ist ein Anachronismus.
Ich sehe hier im Übrigen auch eine Chance, dem Projekt Europa neues Profil zu geben. Richten wir unsere Kräfte also darauf, dass die EU zum Vorreiter bei der Finanzmarktaufsicht wird.
In Deutschland soll die nationale Aufsicht nach den Koalitionsvereinbarungen künftig unter das Dach der Bundesbank. Das hohe Gut der geldpolitischen Unabhängigkeit unserer Zentralbank – da sind wir uns wohl einig – darf dabei nicht angetastet werden. Wichtiger als strukturelle Veränderungen sind allemal qualitative Verbesserungen der Aufsicht. Hierauf wird der Bundesbankpräsident später sicher noch zu sprechen kommen.
Meine Damen und Herren,
institutionell und regulatorisch besser werden, dass ist das Eine. Aber das reicht nicht. Es muss noch etwas anderes hinzukommen. Etwas, das Banken – wie auch die Wirtschaft generell – sich wohl noch stärker bewusst machen müssen und um das sie noch entschlossener ringen müssen: eine breitere gesellschaftliche Akzeptanz.
Natürlich: Beileibe nicht alles, was Banken in der Vergangenheit getan haben, war falsch. Aber zu viel war falsch, zu viele Dinge haben Vertrauen gekostet.
Wo wäre das offenkundiger als beim Thema Boni? Es stimmt zwar: Diese waren nicht die Ursache für den Ausbruch der Finanzmarktkrise.
Und der übergroßen Mehrheit der 675.000 Bankmitarbeiter in Deutschland wird die Diskussion um überhöhte Boni und falsche Anreize in keiner Weise gerecht.
Aber es ist unbestritten: Eine Gruppe von Bankern, zuvorderst Investmentbanker an der Wall Street und in der City, allerdings nicht nur dort, haben das gebotene Maß nicht gewahrt, sondern weit überdehnt. Wie sonst hätte das Wort „Bonus“ – wer Latein kann: „das Gute“! – zum Synonym für „Maßlosigkeit“ werden können?
Dem gesellschaftlichen Konsens darüber, dass höhere Leistung sich auch lohnen muss und darf, war diese Entwicklung alles andere als hilfreich.
Deswegen muss gehandelt werden – und es ist auch gehandelt worden: Die Banken in Deutschland haben neue Regeln für ihre Vergütungssysteme aufgestellt oder sind dabei, dies zu tun. Dabei ist die Richtung klar: Nicht kurzfristiger oder Scheinerfolg darf belohnt werden, sondern nur das, was dem Unternehmen, der Bank auf lange Sicht und nachhaltig nützt.
Ein anderes Feld, auf dem es voran geht, ist die Transparenz von Anlageprodukten und die klare Kommunikation von Chancen und Risiken für alle Kunden. Dieser Prozess ist nicht abgeschlossen, aber er läuft, und der Kurs stimmt.
Dass die Bankenbranche übrigens ganz allmählich wieder Vertrauen zurückgewinnt, wird an den regelmäßigen Umfragen des Bankenverbandes deutlich.
Der Anteil derer, die angeben, ihr Vertrauen in die Banken allgemein habe in der Finanzkrise stark gelitten, ist innerhalb eines halben Jahres von 54 auf 42 % im September gesunken. Das ist keine Zahl, die uns in irgendeiner Form zufriedenstellen kann – aber doch ein Ansporn, nicht nachzulassen auf dem Weg, Vertrauen durch konkretes Handeln neu zu verdienen.
Meine Damen und Herren,
damit von der gesellschafts- zur wirtschaftpolitischen Dimension der Finanzkrise. Diese hat Deutschland, den Noch-Exportweltmeister, mit voller Wucht getroffen. Wir sind mit unserer Wirtschaftsleistung etwa auf das Jahr 2006 zurückgefallen. Und alle Prognosen sagen uns: Der Weg zurück auf das alte Niveau wird lang und steinig.
Zugleich marschieren andere Staaten mit großen Schritten weiter voran – vorneweg China. Selbst im Jahr eins nach Lehman wächst die Wirtschaft der Volksrepublik um mehr als 8 % – fast, als wäre nichts gewesen. Und auch andere Länder wie Indien oder Brasilien haben zwar einen Wachstumseinbruch erlebt, aber keinen, der europäische Dimensionen erreicht hätte.
Das kann für Deutschland nur heißen: alle Kräfte mobilisieren und bündeln, die Wachstum und Beschäftigung bringen. Dabei ist richtig: Die gigantisch gestiegene Staatsverschuldung hängt wie eine bleierne Weste um uns und macht jeden Schritt zum Kraftakt. Die Koalitionsverhandlungen haben gezeigt, wie eng die staatlichen Handlungsspielräume geworden sind. Deshalb ist die Konsolidierung der Staatsfinanzen eine zentrale, wenn nicht die zentrale Aufgabe der neuen Regierung.
Überschüssige Pfunde wird man aber nicht allein durch eine Diät, sprich durch Einsparungen, los – so dringend notwendig diese auch sind. Bewegung ist mindestens genauso wichtig, um abzuspecken.
Mehr Bewegung heißt: mehr wirtschaftliche Dynamik. Die Politik muss Wachstum und Arbeitsplätze in den Mittelpunkt stellen. Sie muss Innovationen und Investitionen anregen und für das Fundament all dessen sorgen: für Bildung. Bei all dem kann sie, bei all dem muss sie auf das setzen, was – allen Krisen und Unkenrufen zum Trotz – der Motor von Wachstum und Wohlstand ist: die Soziale Marktwirtschaft.
Meine Damen und Herren,
neben der Wirtschafts- und Finanzkrise – und die macht es uns weiß Gott schwer genug – schleppen wir ja jede Menge Altlasten mit uns herum, die wir zuletzt nicht immer so recht im Blick hatten.
Alternde Gesellschaft, kompliziertes Steuersystem, Bürokratie und und und. Nur wenn wir diese Probleme jetzt anpacken, können wir im Wettbewerb mit anderen Ländern zukünftig bestehen. Eine Alternative sehe ich nicht. Und gefordert sind wir alle.
Dabei können gewisse Tugenden bei der Ausübung verantwortungsvoller Tätigkeiten sehr von Nutzen sein – so hat es schon Max Weber vor 90 Jahren mit Blick auf die Politik gesehen. In seiner 1919 erschienenen Schrift „Politik als Beruf“ hat Weber drei Qualitäten als entscheidend hervorgehoben: Leidenschaft – Verantwortungsgefühl – Augenmaß.
Auf die Banken angewendet und ohne gleich nach den Sternen zu greifen: Wenn das eingangs erwähnte Buch „Bank, Banker, Bankrott: Storys aus der Welt der Abzocker“ in einigen Jahren zum Ladenhüter geworden ist und wir im Buchhandel auf den Titel stoßen würden „Leidenschaft – Verantwortungsgefühl – Augenmaß: Das Comeback der deutschen Banken“, dann wäre nicht nur für die Banken, dann wäre für dieses Land viel gewonnen.
Damit Ihnen allen ein herzliches Willkommen zu unseren 17. Schönhauser Gesprächen!
Stand: 29.10.2009, 10:18 Uhr