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Zweiter nationaler Bildungsbericht 2008 - Ergebnisse

Leistungen und Erträge des Bildungssystems
Teilnehmerinnen und Teilnehmer Einige Bereiche des Bildungssystems verzeichnen eine Zunahme an Teilnehmerinnen und Teilnehmern: In der frühkindlichen Bildung und bei 20- bis 25-Jährigen ist die Bildungsbeteiligung gestiegen. Hingegen sind die Studierendenzahlen und die Weiterbildungsbeteiligung im Vergleich zu den bildungspolitischen Zielen zu niedrig. Zunehmende Nutzung frühkindlicher Bildung. Die Altersgruppe der 4- bis 5-Jährigen wird nahezu vollständig von Bildungsangeboten erreicht, und der Anteil der Kinder, die bereits mit drei Jahren in eine Kindertageseinrichtung gehen, ist zwischen 2004 und 2007 um rund zehn Prozentpunkte auf gut 90% in Ostdeutschland bzw. knapp 80% in Westdeutschland gestiegen. Auch bei Kindern unter drei Jahren steigt die Beteiligung in Tageseinrichtungen und Tagespflege; die Quote betrug im Jahr 2007 10% in West- und 41% in Ostdeutschland. Mehr als 1,2 Millionen Neuzugänge in die berufliche Ausbildung pro Jahr. Hohe Teilnehmerzahlen im Übergangssystem. Wie schon 1995 nahmen 2006 etwa 550.000 junge Frauen und Männer eine Ausbildung im dualen System auf. Die gestiegene Nachfrage wurde zum kleineren Teil im Schulberufssystem aufgefangen – hier stieg die Zahl der Neuzugänge zwischen 1995 und 2006 um knapp 20% auf 210.000 –, größtenteils aber im Übergangssystem, das zuletzt gut 500.000 Neuzugänge aufnahm, fast 50% mehr als im Jahr 1995. Studiennachfrage bleibt zu gering. Nach mehreren Jahren des Rückgangs ist 2007 erstmals wieder eine Steigerung der Studienanfängerzahl zu verzeichnen. Die Studienanfängerquote liegt nun bei knapp 37% (einschließlich derjenigen Studierenden, die aus dem Ausland kommen und auch vielfach dorthin wieder zurückgehen), hat weder den Höchstwert von 39% aus dem Jahr 2003 noch die vom Wissenschaftsrat gesetzte Zielmarke von 40% erreicht. Weiterbildungsbeteiligung stagniert. Die im Bildungsbericht 2006 konstatierte Diskrepanz zwischen einer intensiven öffentlichen Rhetorik zum lebenslangen Lernen und der tatsächlichen Beteiligung der Bevölkerung an allgemeiner und beruflicher Weiterbildung hat sich auch im neuen Berichtszeitraum nicht aufgelöst. Insbesondere die schwache Beteiligung gering qualifizierter Bevölkerungsgruppen wie auch älterer Menschen bedarf der verstärkten Aufmerksamkeit. Kompetenzerwerb, Abschlüsse und Zertifikate Der „Output“ des Bildungssystems im Sinne der gemessenen Kompetenzen und erreichten Zertifikate hat sich seit 2000/01 an verschiedenen Stellen verbessert. Dies betrifft einige Ergebnisse aus internationalen Schulleistungsvergleichen sowie die Studienberechtigungen und die Studienabschlüsse. Auch das berufliche Bildungssystem – dual und vollzeitschulisch – ist im internationalen Vergleich nach wie vor erfolgreich. Die Abschlussquoten bleiben jedoch insgesamt unter den Zielmarken, das Alter beim Erwerb von Abschlüssen ist relativ hoch, und an der Problematik der Schulabgängerinnen und -abgänger ohne Hauptschulabschluss hat sich nichts geändert. Durchschnittliches Kompetenzniveau im Schulalter gestiegen. Die Leistungen 15-jähriger Schülerinnen und Schüler sind in den Bereichen Mathematik und Naturwissenschaften zwischen 2000 und 2006 angestiegen. Während bei den Viertklässlern die Lesekompetenz anstieg, zeigt sich bei den 15-Jährigen in diesem Kompetenzbereich keine Veränderung. Zahl der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss unverändert hoch. 2006 haben rund 76.000 Schülerinnen und Schüler die Schule verlassen, ohne zumindest über einen Hauptschulabschluss zu verfügen. Vielfach wird der Hauptschulabschluss nachgeholt, aber im Alter von 18 bis unter 25 Jahren haben 2,4% immer noch keinen Abschluss und befinden sich nicht mehr im Bildungssystem; dieser Wert hat sich seit 2000 sogar leicht erhöht. Anteil der Studienberechtigten steigt. Zwischen 2001 und 2006 stieg die Zahl der Absolventinnen und Absolventen mit Fachhochschulreife, bezogen auf die Zahl aller 18- bis 21-Jährigen, von 11 auf 14%, jener mit allgemeiner Hochschulreife von 26 auf 30%. Etwa jede siebte Hochschulzugangsberechtigung wird inzwischen außerhalb des allgemeinbildenden Schulwesens erreicht. Trotzdem ist die vom Wissenschaftsrat gesetzte Zielmarke von insgesamt 50% noch nicht erreicht. Abschlüsse des Sekundarbereichs II insgesamt zu spät erreicht. Die EU betrachtet einen Abschluss des Sekundarbereichs II – in Deutschland also abgeschlossene Berufsausbildung, Hoch- oder Fachhochschulreife – als Mindestqualifikation für den Erfolg am Arbeitsmarkt und erwartet, dass bis 2010 mindestens 85% der jungen Erwachsenen einen solchen Abschluss erwerben sollen. In Deutschland betrug der Anteil bei den 20- bis unter 25-Jährigen im Jahr 2006 ca. 72% und blieb damit sowohl unter dem Stand des Jahres 2000 als auch unter dem EU-Durchschnitt. Für die 25- bis 30-Jährigen stellt sich die Situation wesentlich günstiger dar. Mehr Hochschulabsolventinnen und -absolventen, aber nach wie vor unzureichende Absolventenquote. Zwischen 2001 und 2006 stieg die Zahl der Hochschulabsolventen um fast 30% auf gut 220.000 an. Die seit Jahren anhaltende Verschiebung in der fachlichen Zusammensetzung zu Lasten der Ingenieurwissenschaften hat sich jedoch weiter fortgesetzt. Bezogen auf die entsprechenden Altersjahrgänge in der Bevölkerung liegt die Hochschulabsolventenquote bei 22%, also deutlich unter der Zielmarke des Wissenschaftsrats von 35%. Da die Quote in anderen OECD-Staaten deutlich gesteigert wurde, lag der Anteil der Personen mit Tertiärabschluss in der Gesamtbevölkerung (25- bis unter 65-Jährige) 2005 leicht unter dem OECD-Durchschnitt (26%). Bildungsverläufe und Übergänge Übergänge im Bildungssystem und in den Arbeitsmarkt Die Schuleingangsphase in Deutschland ist flexibler geworden. Es gibt mehr vorzeitige Einschulungen als Zurückstellungen. Der Übergang von der Primarstufe in eine der Schularten des Sekundarbereichs I gehört zu den Stellen, an denen im deutschen Bildungssystem große soziale Disparitäten entstehen. Nur wenige korrigieren die einmal getroffene Übergangsentscheidung durch einen nachträglichen Wechsel der Schulart. Die Übergänge in die berufliche Ausbildung bzw. in die Hochschule sowie anschließend in den Arbeitsmarkt verlaufen oftmals kompliziert und langwierig und stellen für bestimmte Gruppen von Jugendlichen erhebliche Barrieren dar. Für Abgänger der allgemeinbildenden Schulen, die nicht unmittelbar in eine voll qualifizierende Ausbildung eintreten können, wurden die vielfältigen Maßnahmen des Übergangssystems geschaffen, deren Effektivität jedoch – soweit Daten eine Analyse zulassen – zu hinterfragen ist. Einschulungsalter sinkt. Seit Ende der 1990er Jahre gibt es in Deutschland einen deutlichen Rückgang von verspäteten Einschulungen und Zurückstellungen schulpflichtiger Kinder (2006 weniger als 5%) bei gleichzeitiger Zunahme vorzeitiger Einschulungen (über 7% aller Einschulungen). Sprachstandsfeststellungen und -förderung der Kinder vor der Einschulung wird in allen Ländern zunehmend Aufmerksamkeit geschenkt. Die Teilnahme an den Verfahren zur Sprachstandsfeststellung ist nicht in allen Ländern verpflichtend. Der Umfang der angebotenen Fördermaßnahmen ist sehr unterschiedlich und reicht von 40 bis 400 Stunden. Übergänge in höher qualifizierende Schularten des Sekundarbereichs nehmen zu. Deutliches Übergewicht an Abwärtswechseln. Die Quote der Übergänge von Grundschulen an Hauptschulen ist 2006 in allen Ländern mit entsprechendem Schulartangebot weiter gesunken (bundesweit 2,6 Prozentpunkte weniger als 2004). In vergleichbarem Umfang haben die Übergänge ans Gymnasium zugenommen. Der Besuch einer Schulart des Sekundarbereichs I scheint relativ stabil zu sein und wird von lediglich 3% der Siebt- bis Neuntklässler nachträglich durch einen Schulartwechsel korrigiert. Auf jeden aufwärts gerichteten Wechsel kommen dabei fast fünf Abwärtswechsel in niedriger qualifizierende Schularten. Effektivität des Übergangssystems ist zu hinterfragen. Ein halbes Jahr nach dem Verlassen des allgemeinbildenden Schulsystems befindet sich jeweils etwa ein Viertel der Abgänger in einer betrieblichen Ausbildung, einer schulischen Ausbildung (einschließlich Studium) und im Übergangssystem. Einerseits sind im Übergangssystem Abbrüche zu verzeichnen und andererseits geht ein Teil von einer Maßnahme in eine andere. Von der größten Gruppe der Teilnehmer am Übergangssystem, den Jugendlichen mit und ohne Hauptschulabschluss, gelingt nur einem Drittel im Laufe von 18 Monaten die Einmündung in eine vollqualifizierende Ausbildung. Zweieinhalb Jahre nach Schulende hat sich dieser Anteil auf 50% erhöht. Insgesamt befinden sich zweieinhalb Jahre nach Schulabschluss drei Viertel aller Jugendlichen in einer vollqualifizierenden Ausbildung, bei den Jugendlichen mit und ohne Hauptschulabschluss sind es 60%. Da zum Teil mehrere Maßnahmen nacheinander besucht werden und die Verläufe von Jugendlichen mit und ohne Hauptschulabschluss deutlich ungünstiger sind, stellt sich die Frage nach der Effektivität und Effizienz des Systems. Der Übergang aus der dualen Ausbildung in Beschäftigung gelingt in der Mehrzahl der Fälle, die direkte Einmündung nimmt aber ab. 2005 waren unmittelbar nach Abschluss der Ausbildung 58% der Absolventen erwerbstätig; die weitaus meisten von ihnen durch Übernahme in den Ausbildungsbetrieb. 36% blieben zunächst arbeitslos. Zwischen 2000 und 2005 war die Sucharbeitslosigkeit angestiegen und die Arbeitslosenquote war bei Jugendlichen stärker gewachsen als in anderen Altersgruppen. 2006 zeigte sich eine Entlastung. Direkter Übergang aus der Berufsausbildung in die Hochschulen kaum möglich. In allen Ländern wurden seit 1990 unterschiedlich ausgestaltete Verfahren für den Hochschulzugang beruflich qualifizierter Bewerber ohne schulische Studienberechtigung eingeführt. Diese häufig unter dem Begriff des Dritten Bildungsweges zusammengefassten Möglichkeiten machen jedoch gerade einmal 1% der Zulassungen an Universitäten und 2% im Fachhochschulbereich aus. Überdurchschnittlich gute Arbeitsmarkt- und Karrierechancen für Hochschulabsolventen. Ein Jahr nach Studienabschluss haben ca. 80% der Hochschulabsolventinnen und -absolventen eine Erwerbstätigkeit aufgenommen oder befinden sich in einem Referendariat, ungefähr 5% sind arbeitslos und 15% üben andere Tätigkeiten aus (überwiegend Promotion). Zu der vielfach diskutierten „Generation Praktikum“ gehören offenbar nur wenige Absolventen. Umgang mit Bildungszeit In Deutschland wird ein beträchtliches Volumen an Lebenszeit für Bildung und Ausbildung aufgewendet. Derzeit wird vor allem im Gymnasium (G8) und an Hochschulen (Bachelorstudium) versucht, Bildungszeit effektiver zu nutzen. Problematisch sind die direkt nicht bewältigten Übergänge, die Umwege und Suchphasen. Allerdings ist die Bewertung auch hier nicht immer eindeutig: Nachträglich erworbene Abschlüsse können auf ineffiziente Zeitnutzung hinweisen, aber auch Ausdruck der Flexibilisierung von Bildungsverläufen und der Korrektur von sozialen Disparitäten sein. Die Streuung im Umgang mit Bildungszeit im Schulwesen nimmt zu. Einerseits wird für einen Teil der Schülerinnen und Schüler die Bildungszeit verkürzt. Andererseits erhöhen sich Zeit- und Kostenaufwand insbesondere für diejenigen, die eine Klasse wiederholen oder einen im allgemeinbildenden Schulwesen nicht erreichten bzw. einen höherwertigen Schulabschluss nachträglich anstreben. Nach wie vor wiederholen fast 4% pro Jahr eine Klasse im Sekundarbereich I und verlassen mit 8% die Schule ohne zumindest den Hauptschulabschluss erworben zu haben. Zwischen 1996 und 2006 hat sich der Anteil der nicht im allgemeinbildenden Schulwesen erworbenen Mittleren Abschlüsse von 14 auf 17% erhöht, bei der allgemeinen Hochschulreife von 11 auf 15%. Zum Teil lange Übergangswege in eine vollqualifi zierende Ausbildung. Vor allem Abgänger und Absolventen aus Hauptschulen benötigen lange, um eine Ausbildung im dualen System oder im Schulberufssystem beginnen zu können. Nach zwei bis zweieinhalb Jahren sind drei Fünftel von ihnen in eine vollqualifizierende Ausbildung eingemündet. Probleme der Studieneffektivität: sinkende Tendenz, aber immer noch zu hoher Studienabbruch. Die Studienabbrecherquote ist insgesamt zwar gesunken. Immer noch bricht aber jeder fünfte Studienanfänger das Studium ab, in den Ingenieurwissenschaften sogar jeder Vierte. Disparitäten im Bildungsverlauf Die in unterschiedlichen Abschnitten einer Bildungsbiografie eingeschlagenen Wege sind mit Disparitäten verbunden oder verstärken sie sogar. Die Analyse der Übergänge aus den allgemeinbildenden Schulen in die berufliche Bildung und in die Hochschulen zeigt, dass der von den internationalen Schulleistungsstudien für Deutschland als besonders ausgeprägt herausgearbeitete Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg auch in diesen Phasen der Bildungsbiografien fortdauert, zum Teil noch weiter gestärkt wird. Für Jugendliche mit Migrationshintergrund stellt der Übergang aus der Schule in die berufliche Ausbildung eine besondere Hürde dar. Risikolagen von Kindern nehmen zu. In Deutschland lebte 2006 mehr als jedes zehnte Kind unter 18 Jahren in einer Familie, in der kein Elternteil erwerbstätig war. 13% der Kinder wuchsen in Familien auf, in der niemand einen Abschluss des Sekundarbereichs II hatte. Bei über 3,4 Millionen oder 23% der Kinder lag das Einkommen der Familie unter der Armutsgefährdungsgrenze. Von mindestens einer dieser Risikolagen waren 4,2 Millionen oder 28% der Kinder betroffen. Angesichts der Tatsache, dass ein Leben in solchen Risikolagen zu einer deutlichen Verschlechterung der Bildungschancen führt, ist ihr Ansteigen in den letzen Jahren besonders bedenklich. Sozialer Status und Bildungsstand der Herkunftsfamilie: Einfluss verstärkt sich bis zum Übergang in die Hochschule. Mit einem höheren sozioökonomischen Status gehen bis zu dreimal geringere Hauptschul- und bis zu fünfmal höhere Gymnasialbesuchsquoten einher. Internationale Schulleistungsstudien zeigen, dass die Kopplung zwischen sozialem Status der Herkunftsfamilie und erworbenen Kompetenzen in Deutschland nach wie vor stärker ausgeprägt ist als in anderen Staaten. Auch der Hochschulzugang erzeugt neue Disparitäten: Kinder aus Akademikerfamilien nehmen bei gleichen Abiturnoten häufiger ein Studium auf als Kinder aus nichtakademischen Elternhäusern. Junge Menschen mit Migrationshintergrund machen in einigen Regionen mehr als die Hälfte ihrer Altersgruppe aus. In Westdeutschland haben rund 21% der Bevölkerung einen Migrationshintergrund, in Ostdeutschland nur 8%. Eine besondere Herausforderung für das Bildungssystem besteht in der Tatsache, dass bei den Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen der Anteil der Personen mit Migrationshintergrund in einigen Regionen im Westen Deutschlands und in Berlin bis zu 50% und mehr beträgt. Die sozialräumliche Segregation beginnt in Kindertageseinrichtungen. Ca. 30% der Kinder, deren Familiensprache nicht Deutsch ist, besuchen eine Einrichtung, in der mehr als die Hälfte der Kinder ebenfalls nicht Deutsch als Familiensprache hat. Migrationshintergrund führt in allen Stufen des Schulsystems zu Benachteiligungen. Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund sind selbst bei gleichem Sozialstatus seltener auf dem Gymnasium und häufiger in den niedriger qualifizierenden Schularten. Ausländische Jugendliche verlassen doppelt so häufig wie deutsche eine allgemeinbildende Schule, ohne zumindest den Hauptschulabschluss zu erreichen, während deutsche dreimal so häufig die Hochschulreife erwerben. Verzögerte und weniger erfolgreiche Übergänge in die Berufsausbildung für Jugendliche mit Migrationshintergrund: Während Jugendliche ohne Migrationshintergrund schon nach drei Monaten zur Hälfte bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz der dualen Ausbildung erfolgreich waren, erreichten Jugendliche mit Migrationshintergrund eine vergleichbare Vermittlungsquote erst nach 17 Monaten. Entsprechend sind allein schon 60% ausländische Jugendliche im Übergangssystem zu finden, deutsche zu 40%. Die Unterschiede haben sich im letzten Jahrzehnt vergrößert. Keine migrationsbedingten Disparitäten beim Berufseinstieg: Im Anschluss an eine Ausbildung, wenn sie denn einmal erreicht und erfolgreich absolviert ist, zeigen sich keine solchen Disparitäten. Für den Übergang ins Erwerbsleben ist der Migrationsstatus, sofern ein Abschluss in Deutschland erworben wurde, offenbar kaum relevant. Auch die Bildungsrendite von Beschäftigten mit Migrationshintergrund ist dann identisch mit derjenigen von Deutschen. Geschlechtsspezifische Disparitäten: Mädchen und junge Frauen werden im Bildungssystem immer erfolgreicher, neue Problemlage bei den Jungen. Mädchen werden im Durchschnitt früher eingeschult, haben bessere Leistungen in der Schlüsselkompetenz „Lesen“, bleiben seltener ohne Schulabschluss, bewältigen erfolgreicher und schneller den Übergang von der Schule in die Berufsausbildung, absolvieren eine Ausbildung eher im anspruchsvolleren Segment der Berufsgruppen, erwerben deutlich häufiger die Hochschulreife, brechen ein Studium seltener ab, bilden die Mehrheit der Hochschulabsolventen und nutzen als Berufstätige die Angebote der Weiterbildung intensiver. Diese Erfolgsgeschichte der Mädchen und Frauen innerhalb des Bildungssystems bricht im Verlauf der Berufstätigkeit teilweise ab: Nach wie vor bestehen erhebliche Unterschiede in der Erwerbsbeteiligung von Männern und Frauen. Parallel zu dieser Erfolgsgeschichte entwickelt sich eine neue Problemkonstellation: Das Risiko für Jungen und junge Männer im Bildungssystem zu scheitern, nimmt zu. Das gilt insbesondere für jene mit Migrationshintergrund. Jungen wiederholen öfter eine Jahrgangsstufe, ihr Anteil unter den Absolventen und Abgängern mit und ohne Hauptschulabschluss nimmt zu und sie befinden sich deutlich öfter im Übergangssystem. Ressourcen und Angebote Bildungsausgaben Auch wenn vor allem öffentliche Haushalte in letzter Zeit mehr Geld für Bildung aufwenden, steigen die Bildungsausgaben in Deutschland insgesamt nicht entsprechend dem Wirtschaftswachstum, und bei der Weiterbildung wird sogar drastisch gekürzt. Anteil der Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt rückläufig. Insgesamt, d.h. unter Einschluss betrieblicher und privater Leistungen, wurden in Deutschland im Jahr 2006 mit 142,9 Milliarden Euro fast 15 Milliarden Euro mehr für Bildung ausgegeben als im Jahr 1995. Der Anteil der Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt ging jedoch von 6,9% im Jahr 1995 auf 6,3% im Jahr 2005 und 6,2% im Jahr 2006 zurück; im internationalen Vergleich lag er unter dem OECD-Durchschnitt. Die Bildungsausgaben sind nicht proportional zum Wirtschaftswachstum gestiegen. Ausgaben pro Teilnehmer leicht gestiegen. Berücksichtigt man die Entwicklung der Teilnehmerzahlen und die Preisänderungen, so lagen die Ausgaben je Teilnehmer (Primar- bis Tertiärbereich) im Jahr 2005 real um 0,6% höher als 1995. Weiterbildungsbudgets drastisch reduziert. Die Ausgaben der Bundesagentur für Arbeit für berufliche Weiterbildung gingen zwischen 1999 und 2005 um etwa 70% zurück. Im gleichen Zeitraum sanken die Ausgaben der Unternehmen für betriebliche Weiterbildung um rund 1,5 Milliarden Euro (16%). Angebote Quantitativ zeigen Bildungsangebote für Kinder unter drei Jahren sowie in der dualen Ausbildung seit kurzem eine gewisse, jedoch noch nicht zufrieden stellende Zunahme. Hinzu kommen qualitative Veränderungen wie der starke Ausbau von Ganztagsangeboten an Schulen, ein höherer Anteil integrativer Betreuungsformen im frühkindlichen Bereich sowie der Wechsel zum Bachelor an Hochschulen. Abgebaut werden non-formale Angebote in der Jugendarbeit und in der Weiterbildung. Ausbau der Angebote für Kinder unter drei Jahren in Westdeutschland hat gerade erst begonnen. Um in Deutschland das Ziel einer Versorgungsquote von 35% zu erreichen, müssen bis 2013 jährlich rund 70.000 Plätze neu geschaffen werden. Außerunterrichtliche Angebote an Schulen stark ausgebaut. Die Zahl der schulischen Einheiten mit Ganztagsangeboten hat sich zwischen 2002 und 2006 nahezu verdoppelt. Kontinuierlich wurden vor allem die – überwiegend offenen – Angebote an Grundschulen, Hauptschulen und Gymnasien auf inzwischen 28 bis 30% aller Schulen erweitert, wobei die Länder sehr unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Rückgang der Maßnahmen in der außerschulischen Jugendarbeit. Im Bereich der außerschulischen Lernorte zeichnet sich ein Trend des Maßnahmenabbaus ab; zudem gingen die Gesamtausgaben für die Jugendarbeit zwischen 2000 und 2006 inflationsbereinigt um 6% zurück. Verbesserung des Ausbildungsplatzangebots im dualen System bei weiterhin deutlicher Unterversorgung. Nach dem Tiefstand 2005 konnte 2006 und 2007 das Angebot an Ausbildungsplätzen im dualen System um gut 80.000 Plätze oder 14% erhöht werden, aber die Nachfrage – unter Berücksichtigung von Altbewerbern – liegt nach wie vor deutlich höher. Ausbau von Bachelor-Studienangeboten. Im Februar 2008 machten die grundständigen Bachelor-Studiengänge an Fachhochschulen etwa 80% und an Universitäten knapp die Hälfte der Studienangebote aus. Verringerung des Weiterbildungsangebots von Unternehmen. Die Weiterbildungsbeteiligung von Unternehmen ist zwischen 1999 und 2005 merklich gesunken. Im internationalen Vergleich bewegen sich die Weiterbildungsaktivitäten deutscher Unternehmen im unteren Mittelfeld. Personal Daten zum pädagogischen und wissenschaftlichen Personal bilden einen besonderen Schwerpunkt des vorliegenden Berichts. Dringender Handlungsbedarf zeichnet sich bei der Ausbildung und Professionalisierung des Personals sowohl im frühkindlichen als auch im schulischen Bereich sowie insbesondere beim Ersatz qualifizierten pädagogischen Personals in allgemeinbildenden Schulen und in der beruflichen Ausbildung ab. Großer Personalbedarf im Bereich der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung, vor allem bei den Angeboten für unter 3-Jährige. Im Bereich der Kindertageseinrichtungen und der -tagespflege werden insbesondere durch den Ausbau von Angeboten für unter 3-Jährige bis 2013 ca. 50.000 zusätzliche Fachkräfte in Tageseinrichtungen und mehr als 30.000 zusätzliche Tagespflegepersonen benötigt. Dies bedarf zusätzlicher Anstrengungen. Der Ausbau der Frühpädagogik verlangt entsprechende Fortbildungsinitiativen, aber auch einen Ausbau der Ausbildungs- und Forschungskapazitäten an (Fach-)Hochschulen. Großer Ersatzbedarf an pädagogisch qualifiziertem Personal an Schulen. Im Sekundarbereich I sind 60% aller Lehrkräfte 50 Jahre und älter. Im internationalen Vergleich hat Deutschland einen der höchsten Anteile von Lehrkräften des Primar- und Sekundarbereichs, die 50 Jahre und älter sind. Innerhalb der nächsten 15 Jahre wird voraussichtlich rund die Hälfte der derzeitigen Lehrkräfte an Schulen in den Ruhestand gehen. Diese Lehrkräfte durch pädagogisch, psychologisch, fachlich und fachdidaktisch qualifiziertes Personal zu ersetzen, ist eine besondere Herausforderung an die Bildungspolitik. Ob dies mit so genannten Seiteneinsteigern, die 2006 ca. 3% der Neueinstellungen ausmachten, oder ähnlichen Initiativen gelingt, dürfte fraglich sein. Zudem entspricht die besonders starke Nachfrage in solchen Lernbereichen wie Mathematik, Naturwissenschaften und technischen Fächern in keiner Weise den Fachwahlen der Lehramtsstudierenden. Das Bildungswesen konkurriert dabei zunehmend mit anderen Teilarbeitsmärkten. Zentrale Herausforderungen der nächsten Jahre Der Umfang der Bildungsangebote muss in verschiedenen Bereichen des Bildungswesens weiter erhöht werden, wenn der absehbare Bedarf erfüllt und gesellschaftlicher Fortschritt gesichert werden soll. Hierzu gehören • die Versorgung mit frühkindlichen Angeboten für unter 3-Jährige, • eine Verstärkung der voll qualifizierenden Berufsausbildung und der Abbau von Umwegen beim Übergang aus der Schule, • die Steigerung der Studierendenzahlen und Studienabschlüsse sowie • die Verstärkung von Angebot und Nutzung bei der Weiterbildung im Erwachsenenalter. Mindestens so wichtig wie der quantitative Ausbau ist jedoch die Qualitätsentwicklung im Bildungswesen. Wichtige Aufgaben sind hierbei • die Minderung von Risikolagen für Kinder auf der Grundlage eines frühzeitigen und verstärkten Einsatzes geeigneter Interventions- und Fördermaßnahmen, • die Förderung von Grundkompetenzen im Sekundarbereich I als Voraussetzung für verstärkte Übergänge in die Berufsausbildung und die Hochschule, • die Reduzierung der Anzahl der Schülerinnen und Schüler ohne Schulabschluss, • die gezielte Unterstützung für junge Menschen mit Migrationshintergrund, nicht nur durch eine kontinuierliche Sprachförderung. Die Autorengruppe hält es für geboten, die besondere Aufmerksamkeit auf drei Problemlagen zu richten, die zentrale Herausforderungen der nächsten Jahre darstellen dürften: Die Strukturen der beruflichen Ausbildung bedürfen einer Weiterentwicklung. Das duale System büßt tendenziell eine seiner großen Stärken ein, Jugendliche mit geringerem Bildungsniveau durch Ausbildung beruflich zu integrieren. Der Ausbau des Schulberufssystems kommt nur langsam voran. Das Übergangssystem hat sich seit Jahren ausgeweitet und trägt die Hauptlast bei der Vorbereitung gering qualifizierter Jugendlicher und insbesondere solcher mit Migrationshintergrund auf eine berufliche Ausbildung. Gerade dabei zeigt es in den letzten Jahren deutlicher seine Vorteile, aber auch seine Schwächen. Die Optimierung und Neuorganisation des Übergangssystems ist daher eine zentrale Herausforderung, damit junge Menschen erfolgreicher und zügiger in qualifizierende Bildungsgänge im dualen System bzw. im Schulberufssystem kommen. Die Wirkungen für die unterschiedlichen Gruppen von Jugendlichen sowie die Effektivität und Effizienz des Übergangssystems insgesamt sind genauer zu prüfen. Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund müssen frühzeitig, differenziert und kontinuierlich gefördert werden. Eine weitere zentrale Herausforderung stellt die Integration von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund dar, gerade auch der in Deutschland geborenen. Deren Kompetenzrückstand hat sich seit der ersten PISA-Studie, die massiv auf diese Herausforderung aufmerksam machte, nicht verringert: Da der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund in den jüngeren Kohorten steigt, wird die Frage ihrer frühzeitigen und differenzierten Förderung immer bedeutsamer. Diese Förderung muss sich bis ins Jugendalter ziehen, denn der Übergang in die berufliche Ausbildung hat sich für diese Jugendlichen als besondere Hürde erwiesen. Der Ersatz von pädagogischem Personal und das zusätzlich erforderliche Personal dürfen bisherige Professionalisierungsanstrengungen nicht in Frage stellen. Der absehbare Bedarf an zusätzlichen qualifiziertem Personal im frühkindlichen Bereich und an Schulen stellt ein ernsthaftes Problem dar. Frühpädagogik ist in Deutschland weder als Profession noch als Disziplin entwickelt, obwohl die verstärkte Förderung von Kindern unter drei Jahren bildungs- und familienpolitisch diskutiert wird. Seit mehr als 10 Jahren steht die Verbesserung der mathematischen, naturwissenschaftlichen und technischen Kompetenzen von Jugendlichen auf der Tagesordnung; erste Erfolge zeichnen sich ab. Diese würden zunichte gemacht, wenn es nicht gelänge, die für diese Fächer erforderlichen Lehrkräfte auszubilden, zu rekrutieren und zu professionalisieren. Gegenwärtig spricht jedoch alles dafür, dass schon quantitativ der Ersatzbedarf nicht gedeckt werden kann. Der drohende Mangel an pädagogisch qualifi zierten Lehrkräften insgesamt kann die Qualitätsentwicklung in Schule und Unterricht gefährden.


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